Drachen vor Poel

Es ist schon bald drei Jahre her, da war ich mit Besuch am frühen Vormittag auf die Insel Poel an den Strand vor Schwarzen Busch zum Baden gefahren.

Schon fast im Weggehen sah ich weit weg noch ein Rahsegel und machte, ohne im hellen Licht genau aufs Display zu schauen, ein fixes Foto, dabei denkend: „Ach, da hinten halb unterm Horizont ist bestimmt ein Koggennachbau oder so etwas unterwegs.“ (Das es nicht die Wismarer Wissemara sein konnte war klar, die hat ein weißes Segel mit Wismarer Wappen. Das zeige ich dann morgen mal.)

Und wirklich erst beim extremen Reinzoomen ins Foto am heimischen Rechner dann diese Überraschung:

Da fuhr doch der Nachbau eines frühmittelalterlichen skandinavischen Langschiffes (aka „Wikingerschiff“) in voller Pracht und bei bestem Wind!

Nach etwas Herumsuchen im Netz fand ich heraus, dass es die „Helge Ask„, der Nachbau des Skuldelev 5 – Schiffes war, Heimathafen
Vikingeskibsmuseet Roskilde. Damals fanden im Sommer mit mehreren der dänischen Nachbauten längere Törns auf der Ostsee statt und die Helge Ask segelte an dem Vormittag gerade vor der mecklenburgischen Küste Richtung Rügen.

In diesem Jahr sind solche Fahrten, soweit ich sehen kann, nicht im Angebot. Aber auf der Website des Museums wird für Tages- und Abendfahrten auf dem Roskildefjord oder eintägige Segelkurse mit den Schiffsnachbauten geworben.

Veränderung

gibt es im Panorama der Hansestadt Wismar. Nachdem die Werft vor zehn Tagen das zum Wohnschiff umfunktionierte Kreuzfahrtschiff „SuperStar Libra“ ausgedockt hat liegt dieses nun, mit werfteigenem Landstromanschluss und Anbindung ans städtische (Ab-)Wassernetz, dauerhaft am alten Ausrüstungskai. Das Schiff soll ab Jahresende für bis zu 1400 Mitarbeiter von Zulieferern und Subunternehmen während Werfteinsatzzeiten als Wohnheim dienen.

Da ich heute arbeitsbedingt in Wendorf unterwegs war habe ich die Gelegenheit für einen ganz kurzen Gang auf die Seebrücke und ein paar Fotos genutzt und nun hier auch gleich das Titelpanorama aktualisiert. Aus Richtung Seebrücke verdeckt das Wohnschiff jetzt die Georgenkirche. Dafür ist nun links die Nikolaikirche mit auf dem Titelbild.

Megalithgräber – Everstorf Nord

Zwischen Grevesmühlen und Wismar liegt im Everstrofer Forst zu beiden Seiten der B015 ein Gebiet mit einer bedeutenden Ansammlung von Bodendenkmälern. Die Fundstellen werden nach Ihrer Lage in eine Nord-und eine Südgruppe eingeteilt. Die nördlichen Megalithgräber liegen nordwestlich von Barendorf im Forst, die südlichen Grabstätten sind von einem direkt an der B105 liegenden unbefestigten Parkplatz im Wald bequem zu Fuß zu erreichen. – Eine Reihe der Großsteingräber wurden in den 1960ger Jahren unter der Leitung des Ur- und Frühgeschichtsforschers Ewald Schuldt ausgegraben und teilweise archäologisch rekonstruiert. – Heute existiert ein archäologischer Lehrpfad mit kurzen Erläuterungen zu den Fundstellen.

Everstorfer Forst bei Grevesmühlen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordgruppe, Urdolmen – Trichterbecherkultur – ca. 3500 – 2800 v. Chr.
Tafel von 2005
Urdolmen 2 (nach Schuldt / Sprockhoff-Nr. 309)
Tafel von 2005
Kammer des Urdolmen 2, Sprockhoff-Nr. 309

Wiederverwertung

Wer in Wismar zum ersten Mal die große gepflasterte Fläche auf der Südseite von St. Nikolai

zwischen Kirchenschiff der Nikolaikirche und der Frischen Grube betritt und wegen des geländebedingten leichten Gefälles und einiger wegegestalterischer Besonderheiten auch auf seine Füße achtet und nicht nur Schabellhaus, Schweinebrücke und den mächtigen Kirchenbau im Blick hat, dem wird auffallen, dass in die kleinteilige Pflasterung an vielen Stellen große, unregelmäßig geformte Platten eingelassen sind.

Schaut man genauer hin, sieht man, dass es Bruchstücke von Grabplatten und Gruftabdeckungen sind, die eigentlich nahezu sämtlich aus dem Inneren der Nikolaikirche stammen.

Wie auch ursprünglich in St. Georgen und St. Marien war und ist der Boden der Nikolaikirche mit Grabstellen aus vielen Jahrhunderten belegt, wobei Umbauten, Nutzungsänderungen etc. im Laufe der Zeit zu Auslagerungen von Deckplatten führten.

Zum Zustand der Grabplatten Ende des 19. Jhd. kann, wer sich näher dafür interessiert, auf die heute als Quelle unschätzbare Teilbestandsaufnahme von Dr. Friedrich Crull und Dr. Friedrich Techen „Die Grabsteine der Wismarschen Kirchen“, erschienen in drei Teilen in den  „Jahrbüchern des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde“, zurückgreifen. Die Einführung findet sich in Band 54 (Jahr 1889), S. 111-152, der Teil der Grabsteine  in St. Nikolai betrifft in Band 55 (Jahr 1890), S. 237-260 .

Was die Herren schon 1889 feststellten hat sich durch die darauf folgenden Jahrzehnte natürlich nicht verbessert:

„Der heutige Zustand der Steine ist großentheils kläglich genug, da, abgesehen von dem oben erwähnten Abblättern muthmaßlich in neuerer Zeit bezogener Platten, theils das Schuhzeug der Kirchgänger die Inschriften u. s. w. abgeschliffen hat, theils spätere Eigenthümer frühere Inschriften absichtlich haben tilgen oder verstümmeln lassen, theils die Steinmetzen die jüngeren Namen u. s. w. über Inschriften, Wappen, Figuren und sonstiges ohne jegliche Rücksicht hinüber geführt haben. Nicht wenige Steine sind auch in den letzten fünfzig Jahren gesprungen oder um die eine oder andere Ecke gekommen oder gänzlich zu Grunde gegangen, was sich dadurch erklärt, daß man seit 1831, wo die Beerdigungen innerhalb der Stadt aufhörten, das Aufhöhen eingesunkener Gräber, welches früher die Steinbrücker besorgten, den Kirchen=Maurern und deren Zupflegern überlassen hat, als ob man beim Kleinschmiede Hufeisen, ein Schloß vom Grobschmiede anfertigen lassen könnte. Noch in der jüngsten Zeit nach Aufnahme dieses Verzeichnisses, sind mehrere Steine gänzlich verschwunden und die Inschriften anderer durch Flicken oder Uebergießen mit dem beliebten Cement verloren gegangen“ (Band 54, S. 115).

Was schon vorher nicht mehr zu retten war, wurde bei der Neugestaltung der Fußgängerfläche vor der Kirche also weniger als Erinnerung für die früher jeweils anders belegene Grabstelle und mehr als allgemeines Geschichtsdenkmal im Pflaster wieder verwendet.

Die im Zitat oben schon genannte Zweitverwertung mittelalterlicher Grabsteine in späterer Zeit lässt sich auch finden, wie z.B. hier, wo eine mit hochmittelalterlicher Randinschrift versehene Platte im 16 Jd. übergraviert (und die Grabstelle darunter in der Kirche neu also belegt) wurde.

Auf dem folgenden Stein sieht es so aus, als seien am oberen Rand Spuren von Metallstiften zu sehen, die vielleicht eine ursprünglich angebrachte Metallverzierung oder -platte gehalten haben, bevor der Stein später neu verwendet wurde.

Und auch für die unterschiedliche Materialqualität gibt es Beispiele. Hier sind starke Verwitterungen und Abplatzungen zu sehen.

In der Kirche selbst finden sich weiter viele sehr sehenswerte, gut erhaltene Platten, darunter z.T. auch mit Figurendarstellungen aus dem 15. Jhd.

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Gruß aus Wismar!