Die „Poeler Kogge“

Bei dem auch heute wieder wunderbaren Wetter bleiben wir mal beim Thema Küste und Seefahrt – wolkenloser Himmel, gleichmäßiger Wind und minimaler Wellengang lassen das dann ja auch alles immer so einfach und besonders dekorativ aussehen.

Ums Anschauen und anschaulich machen geht es auch beim Nachbau einer mittelalterlichen Hansekogge, die in Wismar ihren Heimathafen hat.

276 Quadratmeter Rahsegel sind schon ein beeindruckender Anblick

Die Geschichte dazu hat eine nette Pointe und zeigt einmal mehr, dass Irrtümer sehr häufig nützliche Effekte haben:

Im Jahre 1997 wurden auf dem Meeresgrund in der Nähe der Hafeneinfahrt von Timmendorf vor der Insel Poel Wrackreste eines Holzschiffes aufgefunden, die 1999 geborgen wurden. Erste Untersuchungen des Holzes führten zu dem Schluss, dass das Schiff aus dem 14. Jhd. stammen und damit noch ein Beispiel für ein Handelsschiff aus der Blütezeit des Hansischen Handels im Ostseeraum sein könnte. (Im 13 Jhd. schloss sich Wismar mit Stralsund, Rostock, Lübeck und Hamburg im sogenannten „Wendischen Städtebund“ oder „Wendischen Quartier“ zusammen, war jahrhundertelang Teil des Hansischen Städtebundes und stark am Seehandel beteiligt. Die Hansezeit endete sozusagen offiziell 1669 mit dem letzten Hansetag in Lübeck. Topadresse zur Hanse insgesamt: Europäisches Hansemuseum Lübeck)

Das Wort vom Fund einer echten Hansekogge, der „Poeler Kogge“ kam also auf. Das Interesse „daraus etwas zu machen“ und ein Identifikationsobjekt zu schaffen war natürlich groß und so wurde 2000 in einer provisorischen Halle auf der Wismarer Lastadie am Alten Hafen von Wismar (dort wo heute zwischen altem Zollhaus und den alten Getreidespeichern die neugebaute Reihe von Läden und Appartmenthäusern im, ich nenne es einmal „Spitzgiebelbudenlook“ steht) mit dem Nachbau einer mittelalterlichen Handelskogge begonnen.

Ein Förderverein „Poeler Kogge e.V. Wismar – Wissemara-“ gründete sich, es wurden private und öffentliche Fördermittel eingeworben, Weiterbildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen für Arbeitslose und wissenschaftliche Anleitung ins Projekt eingebracht und im Jahre 2004 konnte bei sehr großem Publikumsinteresse der „Stapelhub“ erfolgen (der fertige Rumpf wurde mit einem riesigen Kran vom Platz der demontierten Bauhalle ins Becken des Alten Hafens herübergehoben). Nach Austattung des Schiffes (entsprechend der heutigen Vorschriften waren natürlich auch ein Hilfsmotor samt Bugstrahlruder einzubauen) erfolgte im Sommer 2006 die Jungfernfahrt.

Die Wissemara vor der Wohlenberger Wiek

Benannt wurde das Schiff „Wissemara“nach einem in alten Urkunden belegten Bachlauf bei Wismar, der „aqua wissemara“ der aber keinem heutigen Gewässer zugeordnet werden kann . (Ob dieser Bachlauf auch Namensgeber für die Stadt war oder umgekehrt ist nicht belegt und gern umstritten.)

Und das „Vorbild“? Nun, inzwischen hat sich nach neueren dendrochronologischen Untersuchungen herausgestellt, dass das Holz des vor Timmendorf/Poel gefundenen Schiffes wohl doch erst im Finnland des Jahres 1773 geschlagen wurde und damit diese „Kogge“ überhaupt gar keine mittelalterliche Hansekogge war.

Awers dat is ja nu nich vun belang./ Aber das ist ja nun nicht von Bedeutung.

Denn so hat Wismar seine eigene Hansekogge, die sich fein in den Kreis der Schiffe des „Koggen Disch“, des Zusammenschlusses von Koggennachbauten einfügt und neben der Kieler Hansekogge, der „Ubena von Bremen“, der Pommernkogge „Ucra“ (Ueckermünde), der Kraweel „Lisa von Lübeck“ sowie der Kamper Kogge (Niederlande) auch gut mithalten kann.

Seither bildet das beeindruckende Schiff einen bedeutenden touristischen Anziehungspunkt für die Stadt. Man es am Kai besichtigen, kann Tagestörns buchen, darauf sogar heiraten oder bei längeren Törns zu maritimen Ereignissen wie z.B. der Rostocker HanseSail usw. mitfahren. Außerdem werden erlebnispädagogische Reisen mit Jugendlichen angeboten.

Kurs Wismar

Veränderung

gibt es im Panorama der Hansestadt Wismar. Nachdem die Werft vor zehn Tagen das zum Wohnschiff umfunktionierte Kreuzfahrtschiff „SuperStar Libra“ ausgedockt hat liegt dieses nun, mit werfteigenem Landstromanschluss und Anbindung ans städtische (Ab-)Wassernetz, dauerhaft am alten Ausrüstungskai. Das Schiff soll ab Jahresende für bis zu 1400 Mitarbeiter von Zulieferern und Subunternehmen während Werfteinsatzzeiten als Wohnheim dienen.

Da ich heute arbeitsbedingt in Wendorf unterwegs war habe ich die Gelegenheit für einen ganz kurzen Gang auf die Seebrücke und ein paar Fotos genutzt und nun hier auch gleich das Titelpanorama aktualisiert. Aus Richtung Seebrücke verdeckt das Wohnschiff jetzt die Georgenkirche. Dafür ist nun links die Nikolaikirche mit auf dem Titelbild.

Wiederverwertung

Wer in Wismar zum ersten Mal die große gepflasterte Fläche auf der Südseite von St. Nikolai

zwischen Kirchenschiff der Nikolaikirche und der Frischen Grube betritt und wegen des geländebedingten leichten Gefälles und einiger wegegestalterischer Besonderheiten auch auf seine Füße achtet und nicht nur Schabellhaus, Schweinebrücke und den mächtigen Kirchenbau im Blick hat, dem wird auffallen, dass in die kleinteilige Pflasterung an vielen Stellen große, unregelmäßig geformte Platten eingelassen sind.

Schaut man genauer hin, sieht man, dass es Bruchstücke von Grabplatten und Gruftabdeckungen sind, die eigentlich nahezu sämtlich aus dem Inneren der Nikolaikirche stammen.

Wie auch ursprünglich in St. Georgen und St. Marien war und ist der Boden der Nikolaikirche mit Grabstellen aus vielen Jahrhunderten belegt, wobei Umbauten, Nutzungsänderungen etc. im Laufe der Zeit zu Auslagerungen von Deckplatten führten.

Zum Zustand der Grabplatten Ende des 19. Jhd. kann, wer sich näher dafür interessiert, auf die heute als Quelle unschätzbare Teilbestandsaufnahme von Dr. Friedrich Crull und Dr. Friedrich Techen „Die Grabsteine der Wismarschen Kirchen“, erschienen in drei Teilen in den  „Jahrbüchern des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde“, zurückgreifen. Die Einführung findet sich in Band 54 (Jahr 1889), S. 111-152, der Teil der Grabsteine  in St. Nikolai betrifft in Band 55 (Jahr 1890), S. 237-260 .

Was die Herren schon 1889 feststellten hat sich durch die darauf folgenden Jahrzehnte natürlich nicht verbessert:

„Der heutige Zustand der Steine ist großentheils kläglich genug, da, abgesehen von dem oben erwähnten Abblättern muthmaßlich in neuerer Zeit bezogener Platten, theils das Schuhzeug der Kirchgänger die Inschriften u. s. w. abgeschliffen hat, theils spätere Eigenthümer frühere Inschriften absichtlich haben tilgen oder verstümmeln lassen, theils die Steinmetzen die jüngeren Namen u. s. w. über Inschriften, Wappen, Figuren und sonstiges ohne jegliche Rücksicht hinüber geführt haben. Nicht wenige Steine sind auch in den letzten fünfzig Jahren gesprungen oder um die eine oder andere Ecke gekommen oder gänzlich zu Grunde gegangen, was sich dadurch erklärt, daß man seit 1831, wo die Beerdigungen innerhalb der Stadt aufhörten, das Aufhöhen eingesunkener Gräber, welches früher die Steinbrücker besorgten, den Kirchen=Maurern und deren Zupflegern überlassen hat, als ob man beim Kleinschmiede Hufeisen, ein Schloß vom Grobschmiede anfertigen lassen könnte. Noch in der jüngsten Zeit nach Aufnahme dieses Verzeichnisses, sind mehrere Steine gänzlich verschwunden und die Inschriften anderer durch Flicken oder Uebergießen mit dem beliebten Cement verloren gegangen“ (Band 54, S. 115).

Was schon vorher nicht mehr zu retten war, wurde bei der Neugestaltung der Fußgängerfläche vor der Kirche also weniger als Erinnerung für die früher jeweils anders belegene Grabstelle und mehr als allgemeines Geschichtsdenkmal im Pflaster wieder verwendet.

Die im Zitat oben schon genannte Zweitverwertung mittelalterlicher Grabsteine in späterer Zeit lässt sich auch finden, wie z.B. hier, wo eine mit hochmittelalterlicher Randinschrift versehene Platte im 16 Jd. übergraviert (und die Grabstelle darunter in der Kirche neu also belegt) wurde.

Auf dem folgenden Stein sieht es so aus, als seien am oberen Rand Spuren von Metallstiften zu sehen, die vielleicht eine ursprünglich angebrachte Metallverzierung oder -platte gehalten haben, bevor der Stein später neu verwendet wurde.

Und auch für die unterschiedliche Materialqualität gibt es Beispiele. Hier sind starke Verwitterungen und Abplatzungen zu sehen.

In der Kirche selbst finden sich weiter viele sehr sehenswerte, gut erhaltene Platten, darunter z.T. auch mit Figurendarstellungen aus dem 15. Jhd.

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Gruß aus Wismar!