Eine kleine Stadtrunde

durch das sommerliche Wismar

Fürstenhof und Marienkirchturm
Blick von St. Georgen Richtung Bucht und Werft
Momentan wird der neue Werftkran (hellblaue Basis, neben dem Wohnschiff für Werftarbeiter) aufgerichtet. Im November wird er, fertig zusammengesetzt, fast 125m hoch sein.
Vorn zu sehen ist die Heilig-Geist-Kirche, dahinter St. Nikolai.
Maßwerkfenster, St. Georgen
Heilig-Geist-Kirchhof an der Straße „Neustadt“

Besonders „neu“ sieht das ja nicht aus, mit dem Westgiebel der u.a. wegen ihrer prachtvollen Holzdecke sehenswerten mittelalterlichen Heiligen-Geist-Kirche an der Ecke Neustadt/Lübsche Straße und der Hofmauer des Heilig-Geist-Hospitals? – Nun, die Spitalkirche mit ihren Räumen für Bedürftige, Kranke und Pilger stand ursprünglich direkt an der ersten Stadtmauer und westlichen Stadtgrenze. – Nach der baldigen Erweiterung der Altstadt im Mittelalter war die angrenzende Straße dann eben die erste Straße der Neustadt in der Altstadt von Wismar und so heißt diese bis zum Hafen verlaufende Straße bis heute „Neustadt“. – Ergänzung: Ich habe mir die Sache dann noch einmal durch den Kopf gehen lassen und möchte der Vollständigkeit halber feststellen, dass das nicht die ganz übergangslose Wahrheit sein wird: Ein Nachgraben beim vortrefflichen Herrn Friedrich Techen, der nahezu unangreifbaren Autorität für alles geschichtlich Wismarsche was Archivalien und Überlieferung bis zu seiner ordnenden Hand als Ratsarchivar betrifft, in dessen Aufsatz „Die Straßennamen Wismars“ von 1901 zeigt mir, dass er als erste Bezeichung der heutigen „Neustadt“  vielmehr „fossa sancti Spiritus“ bzw. „fovea sancti Spiritus“, also „Graben bzw. Grube bei Heilig Geist“ gefunden hat und erst etwas später „nova civitas“ kommt. Das nur der Vollständigkeit halber und bevor jemand sich beklagt.
Am Alten Hafen, Fischereigenossenschaft Wismarbucht e.G.
Am Alten Hafen, Fischereigenossenschaft
St. Nikolai an der Frischen Grube

St. Georgen

Das Sonnenlicht fällt heute schön durch die hohen Fenster von St. Georgen.

Dann sehen wir uns noch einmal ein wenig im Kirchenschiff um.

Wer möchte, der kann ja auch noch in einer der alten Seitenkapellennischen eine Kerze spenden und etwas nachdenken -auch wenn St. Georgen heute hauptsächlich als Ort für Ausstellungen, Konzerte, Aufführungen und sonstige Veranstaltungen dient ist es weiterhin eine Kirche und es finden auch zu besonderen Terminen im Jahr Gottesdienste statt.

Wir besuchen erst einmal den Heiligen Georg in seinem dramatischen Kampf mit dem Drachen. Diese Malerei hat die Jahrhunderte und insbesondere die Zeit der Teilzerstörung der Kirche zwischen 2. Weltkrieg und 1990 zum Glück überstanden.

Und dann schauen wir uns noch die Gewölbe und insbesondere ein paar der Kragsteine an.

Sogar ein Dämon ist dabei.
Blick vom Hafen auf St. Georgen

St. Georgen zu Wismar – dreischiffige Basilika, norddeutsche Backsteingotik, Baubeginn ca. 1320 als Ersatz für eine ältere Vorgängerkirche, Gewölbehöhe des Hauptschiffes: 35 Meter

Mittelalterlicher Denkstein bei Grevesmühlen

In Everstorf bei Grevesmühlen, LK Nordwestmecklenburg, steht am Weg von Grevesmühlen nach Hoikendorf im Wald ein mittelalterlicher Gedenkstein. Hier wurde im Jahre 1391 ein Wismarer Bürger namens Ludeke Mozellenburch erschlagen. Der Stein ist ca 2,14m hoch und auf beiden Seiten mit Inschriften und Bildwerken bearbeitet. – Foto Zustand 2017
Foto Zustand 2015
Zur früher noch besser erkennbaren lateinischen Inschrift und deren Übersetzung sowie den Abbildungen finden sich Einträge in den Jahrbüchern des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde aus den Jahren 1846 (Band 11, S. 483, Lisch) und -mit der Namenskorrektur- 1855 (Band 20, S. 400, Crull). – Vgl. auch den Eintrag bei Wikipedia.

Unter der Sonne

Die Silhouette des Betonschiffs flimmert in der Bucht vor Redentin vor sich hin.

Im Seehafen bewegt sich nicht viel.

Und wie die Luft in der großen Werfthalle ( ca. 70 m hoch, 150 m breit und knapp 400 m lang) heute so war, das könnte ich nach Schichtende ja mal den Nachbarn fragen.

Der Walfisch

Auch für Wismarer ist der Wal natürlich ein Säugetier und kein Fisch.

Aber wenn Wismarer vom Walfisch sprechen, sprechen sie auch nicht von einem Tier, sondern von einer Insel, nämlich der Insel „Walfisch“ in der Bucht von Wismar.

Die Bezeichnung „Walfisch“ für die Insel in der Wismarbucht ist noch gar nicht so alt.

Sie erschien erstmals 1629, also zur Zeit der Besatzung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg durch die katholisch-kaiserliche Armee Albrecht von Wallensteins, in einem Wismarer Ratsprotokoll.

(Wallenstein war 1628 nach Vertreibung der Mecklenburger Herzöge Adolf Friedrich von Schwerin und Johann Albrecht von Güstrow durch den Kaiser in Wien als „Albrecht VIII. Herzog zu Mecklenburg, Fürst zu Wenden, Graf von Schwerin, Herr von Rostock und Herr von Stargard“ eingesetzt worden blieb dies immerhin für drei Jahre, bis 1631, als sich das Kriegsgeschehen wieder wendete.)

In den Wismarer Ratsprotokollen heißt es in einer Notiz vom 20. Juli 1629 „das wir 80 man uffn Holm, jetzo der Walfisch genannt, hinauß schicken“.

Der Name „Walfisch“ mag also der Fantasie der eher aus südlicheren Gefilden stammenden kaiserlichen Besatzungssoldaten und Söldner zu verdanken sein, blieb aber haften.

Die 80 Mann, die da „uffn Holm“ bzw. „Walfisch“ geschickt wurden, „durften“ dort sicher Schanz- und Wachdienst leisten, denn Wismar sollte zum „kayserlichen Kriegshafen“ ausgebaut werden und die Insel Walfisch wurde zunächst durch eine einfache Holz-und Erdschanze militärisch befestigt.

Auch diese zusätzliche Sicherung der Bucht von Wismar und der Zufahrt zum geschützten Wismarer Hafen hinderte aber die protestantische Armee Schwedens, die ab 1630 in Pommern stand, nicht daran, Wismar einzunehmen.

Kartenausschnitt einer Karte von Wismar und Walfisch aus dem Schwedischen Kriegsarchiv, dort datiert 1850. Oben ist Westen. – Die Datierung ist ohne Beziehung zum Inhalt, denn ähnliche Befestigungen von Stadt (Bastionen mit Zitadelle) und Walfisch existierten seit 1718 nicht mehr.

Am 7. Januar 1632 zogen schwedische Truppen in die Stadt und blieben, mit nur kurzen Unterbrechungen, letztlich bis zum 19. August 1803, als das Königreich Schweden die Stadt Wismar und zugehörige Ländereien gegen Darlehenszahlung von eineinviertel Millionen Hamburger Banktaler auf 100 Jahre an das Herzogtum Mecklenburg verpfändete und die letzte schwedische Garnison Wismar verließ.

Auf die Auslösung des Pfandes verzichtete Schweden am 16. Mai 1903 durch Parlamentsbeschluss und folgenden Vertrag vom 20. Juni 1903 und ersparte sich so die Rückzahlung von dann ca. 109 Millionen Reichsmark an das Herzogtum Mecklenburg, aber wer hätte seinerzeit auch Interesse an der Wiedereinrichtung so einer schwedischen Exklave gehabt?

Doch zurück in den Dreißigjährigen Krieg:

Am 29. Februar 1632 wurde ein Bündnisvertrag zwischen schwedischem Königshaus und zurückgekehrtem Herzog Adolf Friedrich von Schwerin geschlossen, der die Abtretung Wismars und der Insel Walfisch einschloss.

Am 9. Mai 1675 bestätigte König Karl XI. von Schweden einen Plan zum Ausbau der Walfischbefestigung als fünfeckige Sternschanze.

27. Juni 1682 wurde druch den Festungsbaumeister Erik Dahlberg (1625 – 1703) ein neuer Entwurf für die Walfischbastion gefertigt: Dieser umfasste den Bau einer aufgemauerten, viereckigen Redoute, vier Eckbatterien, einem massiven, dreistöckigen feuerfesten Geschützturm mit zwei Geschützgalerien sowie unterkellerten Außenbastionen und verschiedene Gebäude im Innenraum.

Festungsentwurf für die Walfischbastion mit Pfahlgründung, quadratischer Schanze und gemauerter Bastion sowie rundem Geschützturm mit einem flachem Dach

Am 15. Oktober 1686 wurde der Bau der steinernen Außenmauer auf Pfahlgründung begonnen. Am 18. November 1687 waren Kellergewölbe und Erdgeschoss mit erster Galerie auf der Walfischfestung fertig und provisorisch eingedeckt. Am 4. Januar 1696 schließlich war die gesamte Bastion Walfisch fertig gestellt. 1715 bestand die Bewaffnung der Bastion aus 53 Geschützen.

Doch die gewaltigen Festungsausbauten der schwedischen Armee um ganz Wismar herum

blieben im Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 letztlich ohne den erhofften langfristigen militärischen Ertrag:

Am 20. April 1716 kapitulierten die in Wismar stationierten schwedischen Truppen vor den belagernden vereinigten Kräften der Dänen, Preußen und Hannoveraner. Schweden musste diesen „Hohen Nordischen Alliierten“ die Herrschaft über Wismar für den Rest des Nordischen Krieges überlassen.

Ab 1717 wurden die Befestigungen der damals größten Seefestung Europas auf Verlangen der Dänen geschleift, die jede künftige Bedrohung von dieser Seite ausschließen wollten. Auch Zitadellen, Bastionen und Turm auf der Insel Walfisch wurden gesprengt. Unbelegt überliefert ist dafür das Datum vom 2. Februar 1718.

Bald darauf fiel Wismar im Frieden von Fredriksborg 1720 zwar an Schweden zurück, wurde aber weitgehend entmilitarisiert; eine Wiederbefestigung der Insel Walfisch oder der Stadt erfolgte nicht mehr.

In neuerer Zeit wurde der Walfisch noch als Quarantänestation und, mit dem Aufkommen des Badetourismus im 20. Jhd., zeitweilig mit einer Dampferverbindung als Seebad genutzt bevor in den 1950ger Jahren große Sandanlagerungen aus Baggergut der Erweiterung des Hafens von Wismar erfolgten.

Seit 1963 ist die Insel Seevogelschutzgebiet, seit April 1990 Naturschutzgebiet und das Anlegen an und Betreten der Insel ist verboten.

Nun, das ist alles schön und gut, aber was hat es denn nun damit

auf sich?

Diese auf „17 Jhd.“ datierte Abbildung kam mir beim Durchstöbern der Digitalisate in der Königlich Dänischen Bibliothek (http://www.kb.dk) vor die Augen und sah doch auch sehr technisch-militärisch aus.

Die folgenden Bilder machten dann klar, dass es sich bei den „Leitungen“ um Zündschnurwege und bei den „schwarzen Blöcken“ um die Lage von Minen/Sprengladungen in Befestigungen und zwar im Bereich von vorgelagerten Landsperren in den schwedischen Befestigungswerken von Wismar (z.B. im Bereich des heutigen Bahnübergangs Poeler Straße) handelte.

Und ein paar Kartenblätter weiter kam dann dieses Schmuckstück und der „Wohoo“-Moment:

Ein vollständiger dänischer Sprengplan mit ausführlichen Anmerkungen in deutscher Sprache zum Baubestand für die Festung auf dem Walfisch!

Eine schöne Darstellung, vollständig mit akkurater Abbildung des Endausbaustandes oben, einem Querschnitt durch die Bauten, einem Sprengplan mit der Anordnung der Sprengladungen und Zündwege (samt schon dramatisch entzündeter Zündschnüre) und einer Darstellung der mehr oder weniger traurigen Überreste der Sprengung unten.

Die Bürger sahen die Sache pragmatisch und nutzten den Schutt in der Folgezeit gern als Baustoff, soweit Fundamentsteine und Ziegel noch verwertbar waren.

Heute sieht die Stelle von oben übrigens so aus:

Im Flachwasser ist das ca. 77 mal 77 Meter große Quadrat des Pfahlfundaments der Außenbastion noch gut sichtbar. Im Zentrum ist noch der Bogen des Turmfundaments zu sehen.