Carl Malchin in Schwerin

Das war ein feiner Feriennachmittag im Staatlichen Museum Schwerin am Alten Garten gegenüber der Schlossinsel.

Seit dem 5. Juli und noch bis zum 6. Oktober gibt es dort die Sonderausstellung „Von Barbizon bis ans Meer“ mit Werken des Landschaftsmalers Carl Malchin (1838 bis 1923).

Sehr beeindruckend und quasi Pflichtprogramm für alteingeborene Mecklenburger und interessierte Zugereiste und Gäste!

Sowohl „Magazin“ als auch Katalog

mussten natürlich mit.

Schwerwiegendes Manko der beiden Publikationen ist aber, dass die wunderbaren Bleistiftzeichnungen, Entwürfe und Einblicke in Skizzenbücher, in die ich mich besonders verguckt habe, nicht mit aufgenommen wurden. Aber man kann nicht alles haben.

Wenn mal jemand ein passendes Geschenk sucht: Die -Bleistiftvorstudie- für das spätere Bild „Hafen von Wustrow mit Wäscherinnen“, das z.B. auf der Website des Kunstmuseums Ahrenshoop zu finden ist würde hier jederzeit Anklang finden ;o).

Aber da die Eintrittskarten mit Unterschrift an der Kasse personalisiert wurden und noch fortgelten werde ich die Bleistiftzeichnungen bis Oktober noch einmal zu besuchen versuchen.

Edit:

Ich habe gerade nochmal gegraben: Einen  Eindruck von den zeichnerischen Qualitäten des Herrn Malchin gibt die auch in Schwerin ausgestellte Ansicht von Gothmund (zwischen Lübeck und Travemünde an der Trave) von 1887, die auf der Website der Künsterkolonie Gothmund zu sehen ist. Das ist das dritte Bild in der Bilderschau. Zum Vergrößern anklicken.

Der Walfisch

Auch für Wismarer ist der Wal natürlich ein Säugetier und kein Fisch.

Aber wenn Wismarer vom Walfisch sprechen, sprechen sie auch nicht von einem Tier, sondern von einer Insel, nämlich der Insel „Walfisch“ in der Bucht von Wismar.

Die Bezeichnung „Walfisch“ für die Insel in der Wismarbucht ist noch gar nicht so alt.

Sie erschien erstmals 1629, also zur Zeit der Besatzung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg durch die katholisch-kaiserliche Armee Albrecht von Wallensteins, in einem Wismarer Ratsprotokoll.

(Wallenstein war 1628 nach Vertreibung der Mecklenburger Herzöge Adolf Friedrich von Schwerin und Johann Albrecht von Güstrow durch den Kaiser in Wien als „Albrecht VIII. Herzog zu Mecklenburg, Fürst zu Wenden, Graf von Schwerin, Herr von Rostock und Herr von Stargard“ eingesetzt worden blieb dies immerhin für drei Jahre, bis 1631, als sich das Kriegsgeschehen wieder wendete.)

In den Wismarer Ratsprotokollen heißt es in einer Notiz vom 20. Juli 1629 „das wir 80 man uffn Holm, jetzo der Walfisch genannt, hinauß schicken“.

Der Name „Walfisch“ mag also der Fantasie der eher aus südlicheren Gefilden stammenden kaiserlichen Besatzungssoldaten und Söldner zu verdanken sein, blieb aber haften.

Die 80 Mann, die da „uffn Holm“ bzw. „Walfisch“ geschickt wurden, „durften“ dort sicher Schanz- und Wachdienst leisten, denn Wismar sollte zum „kayserlichen Kriegshafen“ ausgebaut werden und die Insel Walfisch wurde zunächst durch eine einfache Holz-und Erdschanze militärisch befestigt.

Auch diese zusätzliche Sicherung der Bucht von Wismar und der Zufahrt zum geschützten Wismarer Hafen hinderte aber die protestantische Armee Schwedens, die ab 1630 in Pommern stand, nicht daran, Wismar einzunehmen.

Kartenausschnitt einer Karte von Wismar und Walfisch aus dem Schwedischen Kriegsarchiv, dort datiert 1850. Oben ist Westen. – Die Datierung ist ohne Beziehung zum Inhalt, denn ähnliche Befestigungen von Stadt (Bastionen mit Zitadelle) und Walfisch existierten seit 1718 nicht mehr.

Am 7. Januar 1632 zogen schwedische Truppen in die Stadt und blieben, mit nur kurzen Unterbrechungen, letztlich bis zum 19. August 1803, als das Königreich Schweden die Stadt Wismar und zugehörige Ländereien gegen Darlehenszahlung von eineinviertel Millionen Hamburger Banktaler auf 100 Jahre an das Herzogtum Mecklenburg verpfändete und die letzte schwedische Garnison Wismar verließ.

Auf die Auslösung des Pfandes verzichtete Schweden am 16. Mai 1903 durch Parlamentsbeschluss und folgenden Vertrag vom 20. Juni 1903 und ersparte sich so die Rückzahlung von dann ca. 109 Millionen Reichsmark an das Herzogtum Mecklenburg, aber wer hätte seinerzeit auch Interesse an der Wiedereinrichtung so einer schwedischen Exklave gehabt?

Doch zurück in den Dreißigjährigen Krieg:

Am 29. Februar 1632 wurde ein Bündnisvertrag zwischen schwedischem Königshaus und zurückgekehrtem Herzog Adolf Friedrich von Schwerin geschlossen, der die Abtretung Wismars und der Insel Walfisch einschloss.

Am 9. Mai 1675 bestätigte König Karl XI. von Schweden einen Plan zum Ausbau der Walfischbefestigung als fünfeckige Sternschanze.

27. Juni 1682 wurde druch den Festungsbaumeister Erik Dahlberg (1625 – 1703) ein neuer Entwurf für die Walfischbastion gefertigt: Dieser umfasste den Bau einer aufgemauerten, viereckigen Redoute, vier Eckbatterien, einem massiven, dreistöckigen feuerfesten Geschützturm mit zwei Geschützgalerien sowie unterkellerten Außenbastionen und verschiedene Gebäude im Innenraum.

Festungsentwurf für die Walfischbastion mit Pfahlgründung, quadratischer Schanze und gemauerter Bastion sowie rundem Geschützturm mit einem flachem Dach

Am 15. Oktober 1686 wurde der Bau der steinernen Außenmauer auf Pfahlgründung begonnen. Am 18. November 1687 waren Kellergewölbe und Erdgeschoss mit erster Galerie auf der Walfischfestung fertig und provisorisch eingedeckt. Am 4. Januar 1696 schließlich war die gesamte Bastion Walfisch fertig gestellt. 1715 bestand die Bewaffnung der Bastion aus 53 Geschützen.

Doch die gewaltigen Festungsausbauten der schwedischen Armee um ganz Wismar herum

blieben im Großen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 letztlich ohne den erhofften langfristigen militärischen Ertrag:

Am 20. April 1716 kapitulierten die in Wismar stationierten schwedischen Truppen vor den belagernden vereinigten Kräften der Dänen, Preußen und Hannoveraner. Schweden musste diesen „Hohen Nordischen Alliierten“ die Herrschaft über Wismar für den Rest des Nordischen Krieges überlassen.

Ab 1717 wurden die Befestigungen der damals größten Seefestung Europas auf Verlangen der Dänen geschleift, die jede künftige Bedrohung von dieser Seite ausschließen wollten. Auch Zitadellen, Bastionen und Turm auf der Insel Walfisch wurden gesprengt. Unbelegt überliefert ist dafür das Datum vom 2. Februar 1718.

Bald darauf fiel Wismar im Frieden von Fredriksborg 1720 zwar an Schweden zurück, wurde aber weitgehend entmilitarisiert; eine Wiederbefestigung der Insel Walfisch oder der Stadt erfolgte nicht mehr.

In neuerer Zeit wurde der Walfisch noch als Quarantänestation und, mit dem Aufkommen des Badetourismus im 20. Jhd., zeitweilig mit einer Dampferverbindung als Seebad genutzt bevor in den 1950ger Jahren große Sandanlagerungen aus Baggergut der Erweiterung des Hafens von Wismar erfolgten.

Seit 1963 ist die Insel Seevogelschutzgebiet, seit April 1990 Naturschutzgebiet und das Anlegen an und Betreten der Insel ist verboten.

Nun, das ist alles schön und gut, aber was hat es denn nun damit

auf sich?

Diese auf „17 Jhd.“ datierte Abbildung kam mir beim Durchstöbern der Digitalisate in der Königlich Dänischen Bibliothek (http://www.kb.dk) vor die Augen und sah doch auch sehr technisch-militärisch aus.

Die folgenden Bilder machten dann klar, dass es sich bei den „Leitungen“ um Zündschnurwege und bei den „schwarzen Blöcken“ um die Lage von Minen/Sprengladungen in Befestigungen und zwar im Bereich von vorgelagerten Landsperren in den schwedischen Befestigungswerken von Wismar (z.B. im Bereich des heutigen Bahnübergangs Poeler Straße) handelte.

Und ein paar Kartenblätter weiter kam dann dieses Schmuckstück und der „Wohoo“-Moment:

Ein vollständiger dänischer Sprengplan mit ausführlichen Anmerkungen in deutscher Sprache zum Baubestand für die Festung auf dem Walfisch!

Eine schöne Darstellung, vollständig mit akkurater Abbildung des Endausbaustandes oben, einem Querschnitt durch die Bauten, einem Sprengplan mit der Anordnung der Sprengladungen und Zündwege (samt schon dramatisch entzündeter Zündschnüre) und einer Darstellung der mehr oder weniger traurigen Überreste der Sprengung unten.

Die Bürger sahen die Sache pragmatisch und nutzten den Schutt in der Folgezeit gern als Baustoff, soweit Fundamentsteine und Ziegel noch verwertbar waren.

Heute sieht die Stelle von oben übrigens so aus:

Im Flachwasser ist das ca. 77 mal 77 Meter große Quadrat des Pfahlfundaments der Außenbastion noch gut sichtbar. Im Zentrum ist noch der Bogen des Turmfundaments zu sehen.

Passat

Solving the riddle will have to wait till friday, I’m afraid.

But in the meantime have some fotos of the impressive four-masted sailingship „Passat“ built 1911 in Hamburg and one of the famous „Flying P-Liners“ of the shipowners F. Laeisz, shipping grain, salpeter and other goods around Cape Horn and between the South Americas and Australia to Europe up to the Second Great War.

It’s now a maritime museum at Priwall, Lübeck-Travemünde, and houses a fine exhibition showing the work and hardship of seamen at the end of the age of the great sailing ships.

Riddle

A dig through the digital treasures of modern archives can be lots of fun but, sadly, there is seldom time for such a pleasure. While looking through old maps and sketches I came across this and was not sure what to make of it at first. But then it dawned on me and the next lot of sketches really make me go „Wohoo!“. But why? – If I find time tomorrow I will tell you, but as I will have to write a longer post on that I will have to leave you guessing for the moment.

Wallberg Neuburg

Heute gibt es einen Kurzblick auf den Wallberg von Neuburg nordöstlich von Wismar, den Ort einer ursprünglich slawischen Hügelburg, die bis ins 13. Jhd. hinein genutzt worden sein soll.

Auf einer Informationstafel wird zur Ortsgeschichte berichtet, dass die Burg als Nachfolgerin der sich in der Nähe befindenden Burg Ilow im Jahre 1171 unter dem Namen „Neuburg“ entstand.

Der Hügel wurde als Standort der Burg ausgewählt, da er bei gutem Wetter eine (heute allerdings durch den Baumbestand auf den Hängen nicht mehr erkennbare) sehr weite Sicht über die Ostseeküste zur Lübecker Bucht bis nach Fehmarn und in Richtung der dänischen Inseln ermöglichte.

Das Plateau wurde mit drei durchgehenden Wällen umbaut, ein vierter kleinerer deckte die Burg zusätzlich nach Norden ab.

Im Jahre 1230 und 1231 wird Johann I. von Mecklenburg als Bauherr der Anlage genannt. Er ließ 1264 mehrere Umbauten an der Burg vornehmen zum Schutz seiner Frau Luitgard. Diese starb drei Jahre später. Danach bewohnte Anastasia, Gemahlin von Heinrich dem Pilger, die Burg.

Als in Wismar der Fürstenhof errichtet wurde, begann man mit dem Umzug dorthin und die Burg wurde nicht weiter genutzt und brauchbare Baumaterialien wahrscheinlich abtransportiert.

Der noch erkennbare Umfang der Befestigungen (mehrere Wälle und Zwischengräben) ist im Vergleich zu anderen Anlagen unserer Gegend eindrucksvoll erhalten.

Das eigentliche Schutzburgareal auf dem Hügelplateau wird bereits seit DDR-Zeiten als Platz für Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft genutzt (die alten Laternen sind noch in Betrieb und eine alte Holzbühne aus der Zeit steht noch) und  wurde und wird weiter gepflegt und mit neuen Bauten (Verkaufsstände, Backofen, Sanitäranlage) für Veranstaltungen wie Konzerte oder Märkte ausgestattet.

Morgen, am 29.06.2019, findet z.B. wieder das alljährliche Burgfest mit Mittelaltermarkt statt.

Vom einstigen Bebauungszustand innerhalb der Burg ist nichts erhalten. –

Als ich mich vor längerer auf dem Platz umsah dachte ich zuerst „Oh, dort in der Ecke steht ja sogar ein Holztier, vielleicht als Kinderspielgerät oder für Bogenschießspäße.“

Aber das – frei nach Ringelnatz – gar nicht so „ganz kleine Reh am (gar nicht so) ganz kleinen Baum“ war weder aus Holz noch aus Gips, sondern ein sehr realer, mich aufmerksam fixierender Rehbock.

Nachdem wir uns dann einige Zeit gegenseitig angeschaut hatten verzog er sich aber bald hügelabwärts über die mit dichtem Unterholz bewachsenen Wälle.

Der Blick beim Abstieg vom Hügel über den Sportplatz geht nach Süden, also von der Küste weg ins Landesinnere.

Kiel-Friedrichsort

Wenn ich schon nicht selbst nach Friedrichsort komme in dieser (Kieler) Woche, dann gibt es doch wenigstens einen Blick dorthin, und zwar in die Vergangenheit der erst 2004 durch das Militär aufgegebenen Festungsreste:

„Kiel Fjord“ 1798 – Kartenausschnitt – Hagener Au und „Laböe“ im Osten, im Zentrum die – Königlich Dänische Seefestung Friedrichsort – , nordwestlich „Prüss“ und „Clasdorf“, im Norden Schilksee, im Südwesten „Vossbroek“ und Holtenau –

Nach dem auf der Karte angegebenen Maßstab hat die Festung einschließlich der Außenwerke/Ravelins ungefähr eine Breite von „1.000 Schritt“ und damit die vorher und danach nicht wieder erreichte größte Ausdehung.

Die Gesamtkarte umfasst nach Süden die ganze Kieler Förde bis zur Kieler Altstadt samt Schloss, zur heutigen Hörn und dem damaligen Lübschen Baum sowie den Weilern Hassee und Winterbek.

Im eingeschriebenen deutschen Anmerkungstext zur Stadt Kiel steht u.a. sehr aufschlussreich: „In der Stadt und den Vorstädten sind ungefähr 800 Häuser.“ Immerhin. – Wenn man sich die Karte ansieht, dann ist fast die einzige Ansiedlung, die Ihren Charakter behalten hat das alte Dorf Pries.

Abgesehen vom Blick auf die Innen- und Außenförde vom Strand beim Friedrichsorter Leuchtturm aus fällt mir zu Friedrichsort auch immer Joachim Ringelnatz ein, der als Marinesoldat in der Festung Dienst schob.

Dazu mein folgendes älteres Gereime in versuchter Annäherung:

Nichtgedicht

-Nicht- Joachim Ringelnatz
als Mariner in der Feste Kiel-Friedrichsort

(sondern meins)

Auf dem Strande
vor der Festung
wandern Möwen
hin und her

und wenn die
so kreischend lachen
hört man fast
das Meer nicht mehr.

Manchmal zieht
ein großer Dampfer
übers Nass der Förde hin.

Dann hab ich mal
was zu gucken
während ich
auf Wache bin.

Macht der Obermaat die Runde
steht man stramm
und gibt gut acht.

Denn sonst wird das nichts
mit „Landgang“
und ’ne blöde Samstagnacht.

A.B.

Die „Poeler Kogge“

Bei dem auch heute wieder wunderbaren Wetter bleiben wir mal beim Thema Küste und Seefahrt – wolkenloser Himmel, gleichmäßiger Wind und minimaler Wellengang lassen das dann ja auch alles immer so einfach und besonders dekorativ aussehen.

Ums Anschauen und anschaulich machen geht es auch beim Nachbau einer mittelalterlichen Hansekogge, die in Wismar ihren Heimathafen hat.

276 Quadratmeter Rahsegel sind schon ein beeindruckender Anblick

Die Geschichte dazu hat eine nette Pointe und zeigt einmal mehr, dass Irrtümer sehr häufig nützliche Effekte haben:

Im Jahre 1997 wurden auf dem Meeresgrund in der Nähe der Hafeneinfahrt von Timmendorf vor der Insel Poel Wrackreste eines Holzschiffes aufgefunden, die 1999 geborgen wurden. Erste Untersuchungen des Holzes führten zu dem Schluss, dass das Schiff aus dem 14. Jhd. stammen und damit noch ein Beispiel für ein Handelsschiff aus der Blütezeit des Hansischen Handels im Ostseeraum sein könnte. (Im 13 Jhd. schloss sich Wismar mit Stralsund, Rostock, Lübeck und Hamburg im sogenannten „Wendischen Städtebund“ oder „Wendischen Quartier“ zusammen, war jahrhundertelang Teil des Hansischen Städtebundes und stark am Seehandel beteiligt. Die Hansezeit endete sozusagen offiziell 1669 mit dem letzten Hansetag in Lübeck. Topadresse zur Hanse insgesamt: Europäisches Hansemuseum Lübeck)

Das Wort vom Fund einer echten Hansekogge, der „Poeler Kogge“ kam also auf. Das Interesse „daraus etwas zu machen“ und ein Identifikationsobjekt zu schaffen war natürlich groß und so wurde 2000 in einer provisorischen Halle auf der Wismarer Lastadie am Alten Hafen von Wismar (dort wo heute zwischen altem Zollhaus und den alten Getreidespeichern die neugebaute Reihe von Läden und Appartmenthäusern im, ich nenne es einmal „Spitzgiebelbudenlook“ steht) mit dem Nachbau einer mittelalterlichen Handelskogge begonnen.

Ein Förderverein „Poeler Kogge e.V. Wismar – Wissemara-“ gründete sich, es wurden private und öffentliche Fördermittel eingeworben, Weiterbildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen für Arbeitslose und wissenschaftliche Anleitung ins Projekt eingebracht und im Jahre 2004 konnte bei sehr großem Publikumsinteresse der „Stapelhub“ erfolgen (der fertige Rumpf wurde mit einem riesigen Kran vom Platz der demontierten Bauhalle ins Becken des Alten Hafens herübergehoben). Nach Austattung des Schiffes (entsprechend der heutigen Vorschriften waren natürlich auch ein Hilfsmotor samt Bugstrahlruder einzubauen) erfolgte im Sommer 2006 die Jungfernfahrt.

Die Wissemara vor der Wohlenberger Wiek

Benannt wurde das Schiff „Wissemara“nach einem in alten Urkunden belegten Bachlauf bei Wismar, der „aqua wissemara“ der aber keinem heutigen Gewässer zugeordnet werden kann . (Ob dieser Bachlauf auch Namensgeber für die Stadt war oder umgekehrt ist nicht belegt und gern umstritten.)

Und das „Vorbild“? Nun, inzwischen hat sich nach neueren dendrochronologischen Untersuchungen herausgestellt, dass das Holz des vor Timmendorf/Poel gefundenen Schiffes wohl doch erst im Finnland des Jahres 1773 geschlagen wurde und damit diese „Kogge“ überhaupt gar keine mittelalterliche Hansekogge war.

Awers dat is ja nu nich vun belang./ Aber das ist ja nun nicht von Bedeutung.

Denn so hat Wismar seine eigene Hansekogge, die sich fein in den Kreis der Schiffe des „Koggen Disch“, des Zusammenschlusses von Koggennachbauten einfügt und neben der Kieler Hansekogge, der „Ubena von Bremen“, der Pommernkogge „Ucra“ (Ueckermünde), der Kraweel „Lisa von Lübeck“ sowie der Kamper Kogge (Niederlande) auch gut mithalten kann.

Seither bildet das beeindruckende Schiff einen bedeutenden touristischen Anziehungspunkt für die Stadt. Man es am Kai besichtigen, kann Tagestörns buchen, darauf sogar heiraten oder bei längeren Törns zu maritimen Ereignissen wie z.B. der Rostocker HanseSail usw. mitfahren. Außerdem werden erlebnispädagogische Reisen mit Jugendlichen angeboten.

Kurs Wismar

Drachen vor Poel

Es ist schon bald drei Jahre her, da war ich mit Besuch am frühen Vormittag auf die Insel Poel an den Strand vor Schwarzen Busch zum Baden gefahren.

Schon fast im Weggehen sah ich weit weg noch ein Rahsegel und machte, ohne im hellen Licht genau aufs Display zu schauen, ein fixes Foto, dabei denkend: „Ach, da hinten halb unterm Horizont ist bestimmt ein Koggennachbau oder so etwas unterwegs.“ (Das es nicht die Wismarer Wissemara sein konnte war klar, die hat ein weißes Segel mit Wismarer Wappen. Das zeige ich dann morgen mal.)

Und wirklich erst beim extremen Reinzoomen ins Foto am heimischen Rechner dann diese Überraschung:

Da fuhr doch der Nachbau eines frühmittelalterlichen skandinavischen Langschiffes (aka „Wikingerschiff“) in voller Pracht und bei bestem Wind!

Nach etwas Herumsuchen im Netz fand ich heraus, dass es die „Helge Ask„, der Nachbau des Skuldelev 5 – Schiffes war, Heimathafen
Vikingeskibsmuseet Roskilde. Damals fanden im Sommer mit mehreren der dänischen Nachbauten längere Törns auf der Ostsee statt und die Helge Ask segelte an dem Vormittag gerade vor der mecklenburgischen Küste Richtung Rügen.

In diesem Jahr sind solche Fahrten, soweit ich sehen kann, nicht im Angebot. Aber auf der Website des Museums wird für Tages- und Abendfahrten auf dem Roskildefjord oder eintägige Segelkurse mit den Schiffsnachbauten geworben.

Megalithgräber – Everstorf Nord

Zwischen Grevesmühlen und Wismar liegt im Everstrofer Forst zu beiden Seiten der B015 ein Gebiet mit einer bedeutenden Ansammlung von Bodendenkmälern. Die Fundstellen werden nach Ihrer Lage in eine Nord-und eine Südgruppe eingeteilt. Die nördlichen Megalithgräber liegen nordwestlich von Barendorf im Forst, die südlichen Grabstätten sind von einem direkt an der B105 liegenden unbefestigten Parkplatz im Wald bequem zu Fuß zu erreichen. – Eine Reihe der Großsteingräber wurden in den 1960ger Jahren unter der Leitung des Ur- und Frühgeschichtsforschers Ewald Schuldt ausgegraben und teilweise archäologisch rekonstruiert. – Heute existiert ein archäologischer Lehrpfad mit kurzen Erläuterungen zu den Fundstellen.

Everstorfer Forst bei Grevesmühlen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordgruppe, Urdolmen – Trichterbecherkultur – ca. 3500 – 2800 v. Chr.
Tafel von 2005
Urdolmen 2 (nach Schuldt / Sprockhoff-Nr. 309)
Tafel von 2005
Kammer des Urdolmen 2, Sprockhoff-Nr. 309

Wiederverwertung

Wer in Wismar zum ersten Mal die große gepflasterte Fläche auf der Südseite von St. Nikolai

zwischen Kirchenschiff der Nikolaikirche und der Frischen Grube betritt und wegen des geländebedingten leichten Gefälles und einiger wegegestalterischer Besonderheiten auch auf seine Füße achtet und nicht nur Schabellhaus, Schweinebrücke und den mächtigen Kirchenbau im Blick hat, dem wird auffallen, dass in die kleinteilige Pflasterung an vielen Stellen große, unregelmäßig geformte Platten eingelassen sind.

Schaut man genauer hin, sieht man, dass es Bruchstücke von Grabplatten und Gruftabdeckungen sind, die eigentlich nahezu sämtlich aus dem Inneren der Nikolaikirche stammen.

Wie auch ursprünglich in St. Georgen und St. Marien war und ist der Boden der Nikolaikirche mit Grabstellen aus vielen Jahrhunderten belegt, wobei Umbauten, Nutzungsänderungen etc. im Laufe der Zeit zu Auslagerungen von Deckplatten führten.

Zum Zustand der Grabplatten Ende des 19. Jhd. kann, wer sich näher dafür interessiert, auf die heute als Quelle unschätzbare Teilbestandsaufnahme von Dr. Friedrich Crull und Dr. Friedrich Techen „Die Grabsteine der Wismarschen Kirchen“, erschienen in drei Teilen in den  „Jahrbüchern des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde“, zurückgreifen. Die Einführung findet sich in Band 54 (Jahr 1889), S. 111-152, der Teil der Grabsteine  in St. Nikolai betrifft in Band 55 (Jahr 1890), S. 237-260 .

Was die Herren schon 1889 feststellten hat sich durch die darauf folgenden Jahrzehnte natürlich nicht verbessert:

„Der heutige Zustand der Steine ist großentheils kläglich genug, da, abgesehen von dem oben erwähnten Abblättern muthmaßlich in neuerer Zeit bezogener Platten, theils das Schuhzeug der Kirchgänger die Inschriften u. s. w. abgeschliffen hat, theils spätere Eigenthümer frühere Inschriften absichtlich haben tilgen oder verstümmeln lassen, theils die Steinmetzen die jüngeren Namen u. s. w. über Inschriften, Wappen, Figuren und sonstiges ohne jegliche Rücksicht hinüber geführt haben. Nicht wenige Steine sind auch in den letzten fünfzig Jahren gesprungen oder um die eine oder andere Ecke gekommen oder gänzlich zu Grunde gegangen, was sich dadurch erklärt, daß man seit 1831, wo die Beerdigungen innerhalb der Stadt aufhörten, das Aufhöhen eingesunkener Gräber, welches früher die Steinbrücker besorgten, den Kirchen=Maurern und deren Zupflegern überlassen hat, als ob man beim Kleinschmiede Hufeisen, ein Schloß vom Grobschmiede anfertigen lassen könnte. Noch in der jüngsten Zeit nach Aufnahme dieses Verzeichnisses, sind mehrere Steine gänzlich verschwunden und die Inschriften anderer durch Flicken oder Uebergießen mit dem beliebten Cement verloren gegangen“ (Band 54, S. 115).

Was schon vorher nicht mehr zu retten war, wurde bei der Neugestaltung der Fußgängerfläche vor der Kirche also weniger als Erinnerung für die früher jeweils anders belegene Grabstelle und mehr als allgemeines Geschichtsdenkmal im Pflaster wieder verwendet.

Die im Zitat oben schon genannte Zweitverwertung mittelalterlicher Grabsteine in späterer Zeit lässt sich auch finden, wie z.B. hier, wo eine mit hochmittelalterlicher Randinschrift versehene Platte im 16 Jd. übergraviert (und die Grabstelle darunter in der Kirche neu also belegt) wurde.

Auf dem folgenden Stein sieht es so aus, als seien am oberen Rand Spuren von Metallstiften zu sehen, die vielleicht eine ursprünglich angebrachte Metallverzierung oder -platte gehalten haben, bevor der Stein später neu verwendet wurde.

Und auch für die unterschiedliche Materialqualität gibt es Beispiele. Hier sind starke Verwitterungen und Abplatzungen zu sehen.

In der Kirche selbst finden sich weiter viele sehr sehenswerte, gut erhaltene Platten, darunter z.T. auch mit Figurendarstellungen aus dem 15. Jhd.

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Gruß aus Wismar!